Kaum einer schreibt ihn, aber jeder will ihn.

Der Brief (von lat.: brevis: «kurz») ist eine auf Papier festgehaltene, schriftliche und meist verschlossene Mitteilung an Abwesende (Brockhaus).

Dieses Kommunikationsmittel führt uns zurück zu den Babyloniern, die Nachrichten auf Tontafeln ritzten. Und auch im antiken Griechenland und Rom verwendete man mit Wachs beschichtete Tafeln, um sich mitzuteilen. Danach ersetzten Pergament, Papyrus und Papier die Tafeln, unterschiedliche Methoden des Falzen, Schnüren und Versiegeln wurden ausgetüftelt und 1840 erschien in England die One Penny Black, die erste Briefmarke der Welt. Seitdem geht die Post ab und rund 70 Millionen Briefe werden täglich von Deutschlands Postboten in die Briefkästen eingeworfen.

Der Brief hat durch das Telefon, die SMS und die E-Mail Konkurrenz bekommen und es wird immer seltener, dass bei der täglichen Post zwischen den Rechnungen und Werbebriefen auch ein persönlicher Brief liegt. Doch noch nie ist eine Kommunikationsform wirklich ausgestorben, nur weil eine neue erfunden wurde. Allein ihre Wichtigkeit hat sich verändert, denn Menschen haben das Bedürfnis sich mitzuteilen – egal wie.

Der Brief ist zwar ein altes Kommunikationsmittel und für manche zu verstaubt und zu langsam für unsere hektische Welt. Doch jeder Brief ist einzigartig, ein haptisches und visuelles Erlebnis und eine der persönlichsten Kommunikationsformen der heutigen Zeit. Er ist vielleicht aus der Mode gekommen, jedoch unverzichtbar. Briefe sind Lebenszeichen eines jeden Menschen, die gebündelt im Schrank aufbewahrt werden können. Johann Wolfgang von Goethe hätte sie nicht treffender beschreiben können, denn für ihn «gehörten die Briefe unter die wichtigsten Denkmäler, die der einzelne Mensch hinterlassen kann.»

Ebenso ist dieses Kommunikationsmittel auf grafischer Ebene sehr hoch einzuschätzen. Es ist keine formelle und statische Ansammlung von Daten, sondern ein individuelles, grafisch sehr flexibles Medium, das zum experimentieren geradezu einlädt.

In meinem Buch «Bitte freimachen.» portraitiere ich das, meiner Meinung nach, romantischste und persönlichste Medium der zwischenmenschlichen Kommunikation und zeige all die Facetten auf, die der Brief mit sich bringt. In den drei Kapiteln Absender, Schnittstelle und Empfänger wird er und seine verwandten Verständigungsformen von verschiedenen Seiten beleuchtet. Denn der Brief durchlebt immer den Weg von A nach B, von Absender zu Empfänger und die Schnittstelle verbindet diese beiden Bereiche und macht die Kommunikation aus der Ferne erst möglich. Ich möchte nicht mit erhobenem Zeigefinger die Gesellschaft zu mehr Briefkorrespondenz ermahnen. Mein Ziel ist, dass der Brief in unserer hochmodernen, rasenden Welt trotz Bits and Bytes, A-DSL und Dauerstress wahrgenommen und kennen gelernt wird. Er soll durch diese Hommage nicht in Vergessenheit geraten – bekanntermaßen ist der Brief in unserer Gesellschaft nämlich nicht mehr omnipräsent und wir haben dieses Kommunikationsmittel nicht im Hinterkopf, wenn wir uns mitteilen wollen.

Hélène Kratz, 2008

Post Scriptum: ebenso ist zu erwähnen, das «Bitte freimachen.» ein Wendebuch ist, welches von beiden Seiten aus gelesen werden kann – denn manchmal ist man Absender, manchmal aber auch Empfänger. Es ist sehr wertvoll keine vorgeschriebene Reihenfolge in der Kommunikation zu haben: denn Briefe sollten von Herzen kommen und keinem Pflichtprotokoll unterstehen.