Interview mit einer Briefforscherin [07.2009]

Von news.de-Redakteur Konrad Rüdiger

Während die E-Mail-Postfächer vor lauter Informationen überquellen, bleiben bei vielen Menschen die Briefkästen an der Haustür leer. Die Designerin Hélène Kratz hat ihre Diplomarbeit dem Brief gewidmet. Ein nachdenkliches Interview.

Die unvermeidliche Frage, frei nach Thomas Gottschalk: Wie sind sie ausgerechnet auf den Brief als Thema für Ihre Abschlussarbeit gekommen?

Kratz: Ich habe in meiner Jugend extrem viele Briefe an meine Freunde geschrieben und diese auch alle in einer Kiste aufgehoben. Für mein Studium als Designerin habe ich ein Jahr in Paris gelebt und dort habe ich durch die Entfernung wieder den Brief für mich als Kommunikationsmedium entdeckt. Ich bin Designerin und auch aus diesem Blickwinkel fasziniert mich der Brief als graphisches Medium: Handschrift, Papier, Umschlag, Briefmarke, Zeichnungen, Kleckse, Falten, Duft, Krümel, einfach alles. Und so vieles beeinflusst den Brief: Die Handschrift des Absenders hängt beispielsweise von der Laune oder der persönlichen Lebenssituation ab. Und die Auswahl der Briefmarke oder des Umschlags sagt auch oft etwas über den Menschen aus. Es ist schon wichtig, ob ich auf alten Ausdrucken oder einer Bäcker-Papiertüte schreibe und ob ich Sondermarken oder die Marke aus dem Automaten bevorzuge. Der Brief ist jedes Mal anders, individuell, warm und trägt ein Stück des Absenders in sich. Es ist keine Standardnorm wie eine E-Mail. Das alles hat mich neugierig gemacht und ich wollte dieses faszinierende Medium noch genauer kennen lernen und auch herausfinden, was Menschen in meinem Umfeld darüber denken. 560 Buchseiten habe ich ihm letztendlich gewidmet...

Sie haben zwei Pässe, einen deutschen und einen französischen. Gibt es in Ihrem Erleben Unterschiede im Briefe schreiben zwischen Frankreich und Deutschland?

Kratz: Gravierende Unterschiede gibt es glaube ich nicht. Optisch vielleicht, da sich die Handschrift oftmals unterscheidet. Und in Frankreich braucht eine Postkarte über eine Woche. Bei uns gibt es zeitlich kaum einen Unterschied zwischen Brief und Postkarte. Der Trick: Die Postkarte in einen Umschlag stecken und als Brief versenden.

Wie viele Briefe schreiben sie selber? Wie viele davon sind privat und wie viele geschäftlich?

Kratz: Ich muss gestehen, zur Zeit schreibe selbst ich als Briefe-Liebhaberin viel zu wenige persönliche Briefe, vielleicht alle zwei bis drei Wochen einen. Dann fällt im privaten Alltag auch einiges an Papierkram an, das sind dann vielleicht ein Brief pro Woche. Geschäftlich ist es eigentlich viel weniger. Vieles wird doch per E-Mail abgewickelt. Wenn ich allerdings einem Kunden per Kurier etwas zukommen lasse bemühe ich mich, immer noch eine handschriftliche Kurzkarte hinzuzufügen. Ich beobachte, dass selbst das Telefon im geschäftlichen Alltag von der E-Mail verdrängt wird. Zum einen ist das von Vorteil, man hat vieles sofort Schwarz auf Weiß. Zum anderen ist ein Telefonat doch noch ein Stück persönlicher und oft kann man Probleme oder Herausforderungen schneller lösen.

Könnten Sie sich vorstellen, dass E-Mail-Korrespondenzen, so wie heute bei Briefen, in 150 oder 200 Jahren veröffentlicht werden?

Kratz: An sich ist der Gedanke nicht schlecht. Bis dato werden Briefe von wichtigen Persönlichkeiten abgedruckt, warum dann nicht auch die E-Mails. Das Problem ist wahrscheinlich eher, ob die Daten bis dahin noch existieren – kaum einer druckt seine E-Mails aus, weil man nicht daran hängt. Einen persönlichen Brief, der einen bewegt, den hebt man sich auf. Was man hier auch bedenken muss, ist die Frage, in welchem Moment entscheide ich mich für welches Medium. Tatsache ist, dass der Brief noch nicht ausgestorben ist. Ich denke, es gibt genügend Momente, in denen es wichtig ist, den Brief als Kommunikationsmedium zu wählen. Angenommen man streitet sich: Eine E-Mail ist dann zu technisch, ein Telefonat fast schon zu nah. Der Brief allerdings ist perfekt: Man kann offen sein Herz ausschütten, denn die Botschaft bleibt geheim und ist nur für den Empfänger vorgesehen. Man denkt in so einem Moment auch genau nach, was man schreibt und der Empfänger kann den Brief sacken lassen. Während meiner Befragung für mein Diplom, haben die meisten sich eine schriftliche Liebeserklärung per Brief gewünscht und nicht per E-Mail. So ist die Frage, ob der E-Mail-Verkehr genauso spannend und persönlich ist, wie der Briefverkehr.

Die Briefmarke wird von der Deutschen Post aber auch von den neuen Konkurrenzunternehmen immer stiefmütterlicher behandelt. Stichworte sind die unsäglichen Automaten oder ein Verkauf nur in Zehnerbögen. Wie sind ihre Erfahrungen?

Kratz: Als Designerin kann ich ganz klar sagen, dass die Briefmarke in Deutschland noch viel Potential hat. Wir haben in unserem Land zwar einige sehr gute Briefmarken-Designer, bei meiner Recherche ist mir dennoch aufgefallen, dass in anderen Ländern mit der Briefmarke viel kreativer und freier umgegangen wird. In der Schweiz gibt es eine gestickte Briefmarke, in Österreich kann man sich seine Briefmarke selbst gestalten und in Holland und in den skandinavischen Ländern liegt der Schwerpunkt viel mehr auf der Typographie oder der Illustration. Mein absolutes Briefmarken-Highlight sind die englischen Obst- und Gemüsebriefmarken von dem Designbüro Johnson Banks, welche man durch zusammenkleben einzelner Elemente individualisieren kann. Vielleicht könnte man sich in Deutschland da noch ein Stückchen von abschneiden. Dennoch, die meisten legen nicht so den Wert auf die optische Erscheinung der Briefmarke, was sehr schade ist.

Was ist für Sie wichtiger, wenn Sie selber einen Brief erhalten? Die Momente nach dem Öffnen oder die Momente, wenn Sie den Brief vielleicht später noch einmal zur Hand nehmen?

Kratz: Ich muss den Brief immer sofort öffnen, egal ob es regnet oder ich auf dem Weg in die Arbeit bin. Da kann ich die Neugierde nicht zurückhalten! Es ist auch ein schöner Moment alte Briefe noch einmal zu lesen, aber müsste ich mich zwischen den beiden Momenten entscheiden, ist es der Moment des Öffnen und erstmaligen Lesens. Dieses Gefühl hatte ich schon lange nicht mehr bei einer E-Mail erlebt. Eine E-Mail ist dann doch nur eine E-Mail – technisch, kühl, oftmals voller Fehler, weil man sich meist noch nicht einmal die Mühe gibt, sie noch einmal durch zu lesen.

Werden persönliche Briefe eigentlich wichtiger je seltener sie werden?

Kratz: Ich hoffe, dass sie nicht noch seltener werden. Leider zeigt der Trend, dass das Briefschreiben weiter abnimmt. Heutzutage ist ein Brief meiner Meinung nach etwas sehr wertvolles und wertschätzendes. Es ist wichtiger denn je Briefe zu schreiben, denn unsere Gesellschaft ist leider zu schnelllebig geworden. Man kann nicht abstreiten, dass die neuen Medien viele Vorteile haben, aber zu hundert Prozent möchte ich nicht meine Kommunikation damit ausführen. Da würde mir die persönliche Note auf Dauer sehr fehlen.

Derzeit ist eine Kulturflatrate in der Diskussion, vor wenigen Wochen wurde eine Flatrate für Briefe von der Post in Aussicht gestellt. Ist das aus Ihrer Sicht: ein Marketinginstrument oder ein ernst zu nehmendes Angebot?

Kratz: Eigentlich eine tolle Idee, denn viele beschweren sich darüber, wie teuer es ist, Briefe zu versenden. Wenn man die Flatrate richtig ausnutzt, würde der Brief viel günstiger werden und somit auch die Motivation wieder ansteigen. Wichtig ist es, den Brief als Kommunikationsmedium an sich in Zukunft so komfortabel wie möglich zu machen. Den meisten Menschen ist er zu kompliziert: Briefmarken kaufen, dann das Schreiben, in den Umschlag stecken, frankieren und einwerfen. Das ist ein längerer Prozess als eine E-Mail. Die Flatrate, je nachdem wie sie dann auch aussieht, könnten vielleicht mehr Briefschreiber hervorbringen. Aber eigentlich müsste sich die Gesellschaft ändern. Man müsste sich einfach die Zeit zum Briefschreiben nehmen und nicht seinem Leben hinterherhetzen.

Hélène Kratz, 25, hat Kommunikationsdesign in Trier und in Paris studiert und im vergangenen Jahr ihre Diplomarbeit «Bitte freimachen» über das Medium Brief geschrieben. Dafür wurde sie mit dem Designpreis Rheinland-Pfalz in der Kategorie Junior Design und bei dem Berliner Type Award mit Silber ausgezeichnet.